Wie ich den Holzberg rettete

von Erhard Klingner

Also nicht direkt, aber vielleicht doch. Zumindest schon ein wenig, am Dienstag vor Ostern 2019. Und das kam so:

Vorige Woche traf ich beim Klettern im Elbtal an einem ziemlich kalten aber sonnigen Tag am „Spiegel“ meinen Bergfreund Lutz. Und dadurch brachte ich mich, sowie durch eine Schlechtleistung (zu schwer der „Spiegel“) am Seil hinter Neumäx und durch mein vom Leben und Klettern altersgebeugte Gestalt wieder in Erinnerung. Sogar so weit, dass ich eine Einladung zu einer Erstbegehung an meinen heimatlichen Holzberg von Lutz erhielt. Lutz ist vielbeschäftigt, vital und wohnt in Dresden. Deshalb trafen wir uns erst nach 16 Uhr. Das langte aber für mich, um vorher noch einem jungen hübschen Mädchen, Feli, mein schmales Kletterkönnen am Valentinstag  zu zeigen. Ich verriet ihr allerdings nicht, dass ich den Weg auch im Dunkeln klettern könnte, da ich als selbsternannter Hausmeister des Steinbruches schon öfters da war. Leider verfing auch bei ihr mein großes Klettergeheimnis nicht: Nach vollbrachter Tat gestand ich ihr, dass ich den Weg nur gebracht habe, weil durch das Seil auch Gefühle übertragen werden und die für mich so gut waren, dass ich den Weg überhaupt schaffte!

Nun also Lutz mit seinem Erstbegehungstraum. Ganz links in der schönsten längsten 35m hohen Granitporphyrplatte Deutschlands hatte er noch eine Linie gefunden. Anfangs gehörte noch ein bissl Fantasie meinerseits dazu, um eine entstehende Klettertour zu sehen. Aber am Ende gab es nicht nur dem Namen nach eine Bereicherung des Klettergebietes für leichte lange Kletterwege, den „Rettet den Holzberg“. Der Wissenschaftler Lutz hat das schon sehr genau und ordentlich beschrieben, wie es sich für sein Berufsbild und Menschen mit hoher Intelligenz gehört. Ich sehe das aber rückwirkend ganz anders:

Da kam ein junger Mann, mit dem mich noch nie ein Seil verbunden hat, mit schwerem Gepäck, richtet sich in kürzester Zeit zum Klettern her knapp überm Wasser (alles anbinden!) und steigt, nachdem ich in Sicherung gegangen war, einfach los. Am Gurt hängt nur ein bissl Geraffel. Bohrmaschine, Bürste, Bohrhaken, Hammer, Expreßschlingen, Karabiner. Klettert einfach zügig hoch, setzt 4 Bohrhaken, schmeißt allerhand Dreck und Steine herunter und nach dem Setzen des Umlenkerbohrhaken kommen beim Ablassen noch 8 weitere Bohrhaken dazu. So einfach! War ich auch mal jung und so vital? Am Ende fordert er mich auf, die Erstbegehung selbst zu machen. An der ich nun einen Anteil habe, der fast so groß ist, wie der Hund auf der Schwanzspitze wegträgt.. Ich überlege nun, ob ich mich mit fremden Federn schmücken soll oder lieber so bleiben sollte, wie ich schon immer bin.

Na gut, in einer Hinsicht habe ich vielleicht doch einen paritätischen Anteil an dieser Erstbegehung. Weil ich beim Abseilen auch wie Lutz den Weg von losem Gestein und uraltem Dreck beräumt habe und infolge dessen und der Staubwolke dabei genauso wie ein Schwein hinterher aussah! Falls ich ein Tier in diesem Text vergessen habe: Hinterher habe ich mich gefühlt wie ein glücklicher freier Vogel in der Luft. Na ja, so oder so ähnlich!

Als der Tag sich dem Ende neigte und die Schatten sich über die Riesenplatte legten, zeigte mir noch Lutz wie man Reibungsklettern macht. Eigentlich ganz einfach, man muss nur ganz genau hinschauen, dann entdeckt man winzige Rissspuren und Rauigkeiten und mit ein bissl Gottvertrauen steht der Fuß auch. So kam ich nicht nur zu einem weiteren wunderbaren und erkenntnisreichen Klettererlebnis, sondern auch in den Genuss einer ganz besonderen romantischen Naturstimmung, die sich allmählich über den abendlichen Steinbruch legte.

Wir waren uns einig das Ereignis gebührend zu feiern. Da der Dorfgasthof geschlossen war, kehrten wir bei Gunter Winkler von der Bürgerinitiative zur Rettung des Holzberges ein. Am Ende eines langsam und genussvoll ausgetrunkenen Pilsner Urquells und ausgiebiger Diskussion über die Wege zur Nichtverfüllung kam ich zu  mindesten drei Erkenntnissen. Erstens, es geht um viel Geld, wie oft im Leben, auch hier. Zweitens, die Bürgerinitiative hat mit dem Argument des Umweltschutzes schon viel getan und erreicht. Drittens, mit den Pfund des schönsten Klettergebietes Mitteldeutschlands sollten wir Kletterer noch mehr machen (Die Beteiligung an der BI reicht nicht!). Gemeinsam mit der Bürgerinitiative sind wir stark. Uns kommt zu Hilfe, dass gerade in letzter Zeit der Umweltgedanke  eine immer größere Rolle im Leben der Menschen spielt, immer mehr gewachsen ist. Mit der Verfüllung (auch der Teilverfüllung!) würde ein ganz besonderes Kleinod der Natur, ein Stück Lebensqualität der früher durch die Steinbrucharbeiten so gebeutelten Anwohner und ein wunderbares Klettergebiet verloren gehen, für immer. Wehren wir uns, es ist noch nicht zu spät!

Erhard (75), der sich eigentlich vorgenommen hat, keine Spuren mehr auf dieser schönen Welt zu hinterlassen, zu allen Menschen nett zu sein und den CO2- Verbrauch zu minimieren („Weltverbesserer“) und der nicht darauf besteht, dass alles so war, wie es hier steht.

Und hier die Daten von Lutz:


Holzberg, Sektor Sonnenplatte:

Rettet den Holzberg! 35m, 6-

Lutz Zybell , E. Klingner, 16.04.2019

Vom tiefsten Punkt der Sonnenplatte links Wand gerade und später linksgeneigte Riss- und Rippenfolge an 12 BH vorbei zu Umlenker.

Nachtrag: in der Woche darauf bohrte Lutz eine weitere Route ein, diesmal etwas schwerer: *Gib niemals auf! 8(+).

Es gibt also wieder neues zu klettern und der Routenname ist Programm, da das Thema aktuell bleibt: rettet den Holzberg vor der Verfüllung, sprecht Eure Lokalpolitiker in Sachsen auf das Thema an!